Die Events

Musik und Literatur sowie eine Stadtführung spannen
den Bogen zum künstlerischen Konzept des Projektes
und interpretieren weitere Facetten jüdischen Lebens.

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Karlsruhe

Stadtführung mit Julia Walter
01.10.2021, 17:00 Uhr

Julia Walter, Kunsthistorikerin und Mitglied der jüdischen Gemeinde Karlsruhe, führt durch die Karlsruher Innenstadt, vorbei an Gebäuden und Orten, welche auf bedeutende jüdische Persönlichkeiten hinweisen und das jüdische Leben aus verschiedenen Perspektiven zeigen.

Die Emanzipation vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur völligen Gleichstellung 1862 in Baden ermöglichte es den badischen Jüdinnen und Juden, in allen Bereichen des Karlsruher Lebens Fuß zu fassen, bis sie durch den Aufstieg des Nationalsozialismus in den 1930er-Jahren schrittweise verfolgt, entrechtet, schließlich deportiert und die meisten von ihnen ermordet wurden. Eine Station der Führung widmet sich den Jahren nach 1945 bis heute und der aktuellen jüdischen Gemeinde.

Verborgene Schätze

Das Baden-Badener Klarinettentrio spielt Werke von jüdischen Komponisten

12.10.2021, 19:00 Uhr

Kleine Kirche, Kaiserstraße 131, 76133 Karlsruhe
Annette Konrad, Klarinette

Angela Yoffe, Klavier

Thomas Lukovich, Cello

Vor rund 10 Jahren fanden sich Annette Konrad, Thomas Lukovich und Angela Yoffe aus Baden-Baden und Karlsruhe aus reiner Spielfreude zusammen und entdeckten die Außergewöhnlichkeit ihrer Besetzung: Klarinette, Cello und Klavier. Nachdem die bekannten Meisterwerke von Beethoven und Brahms und weniger bekannte von Robert Kahn, Wilhelm Berger oder Michael Glinka schnell erschlossen waren, war die Neugier und Leidenschaft der drei Musiker*innen geweckt, ihr Terrain weiter nach unbekannten Werken für diese Besetzung zu erforschen. Dabei stießen sie auf wahre musikalische Kostbarkeiten, die selten oder gar nicht zu Gehör kommen. Dazu zählen z. B. Werke von Paul Joun, Louise Farrenc, Nino Rota. Speziell für das Baden-Badener Klarinettentrio hat Boris Yoffe 2017 seine Fünf Stücke geschrieben, die seitdem bereits mehrfach und von unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern aufgeführt wurden.
Die Trios von Alexander Zemlinsky (1871-1942) und Carl Frühling (1868-1937) gehören zu den beliebtesten und beeindruckendsten Werken für diese Besetzung und können auch ohne einen speziellen Anlass in einem Konzert nebeneinander stehen. Während das Genie Zemlinskys einige – wenn auch nicht ausreichende – Anerkennung gefunden hat, wurde Carl Frühling erst vor einigen Jahren wiederentdeckt und bleibt eine fast geheimnisvolle Figur. Es ist wenig Material über sein Leben und Werk zu finden, vieles ist verschollen.
Die beiden Protagonisten sind deutsche Komponisten jüdischer Abstammung, wenn auch jeder von ihnen selbstverständlich in einer eigenen, persönlichen Beziehung zum Judentum wie auch zur deutschen Kultur stand. Dies gilt ebenso für den dritten Komponisten, Boris Yoffe, der seit vielen Jahren in Karlsruhe lebt und in dem Konzert auch die Werkeinführungen übernimmt.

Das Chippendale

Hedi Schulitz liest aus ihrer Erzählung

24.10.2021, 16:00 Uhr

GEDOK Künstlerinnenforum, Markgrafenstr. 14, 76131 Karlsruhe

In der essayistischen Erzählung geht es um die Odyssee eines Damenzimmers, das der Autorin, Hedi Schulitz, von ihrer Mutter vererbt wurde. Dass die vorigen Besitzer des feinen Stilmöbels eine jüdische Familie aus Karlsruhe gewesen ist, hat die Autorin erst sehr viel später herausgefunden. Sie schildert den langwierigen und zum Teil mühsamen, aber auch faszinierenden Weg dieser Spurensuche. Und sie blickt auf die Entstehung einer wunderbaren Freundschaft, die Grenzen überwindet.

Hedi Schulitz hat in Berlin Romanistik und Slawistik studiert. Nach Aufenthalten in Frankreich und langjähriger Tätigkeit in der Neuen Gesellschaft für Literatur in Berlin sowie einem Stipendiat im Döblin-Haus in Wewelsfleth lebt sie in Karlsruhe. Seit 2008 ist sie Fachbeirätin für Literatur in der GEDOK Karlsruhe.
Sie schreibt Romane, Erzählungen und Essays. Ihr Roman
Die Schattenfrau, erschienen 2014 in Lindemanns Bibliothek Karlsruhe, ist auch Grundlage des gleichnamigen Theaterstücks, dessen Co-Autorin sie ist. Premiere war 2020 im Jubez Karlsruhe. Der Schwerpunkt ihrer literarischen Arbeit liegt auf der romanhaft-fiktionalen Rekonstruktion von Biografien.

www.hedischulitz.de

Koscher durch die Krisen

Michael Wuliger (Berlin) liest aus seinen Kolumnen in der Jüdischen Allgemeinen

13.11.2021, 19:00 Uhr

Literaturhaus im PrinzMaxPalais, Karlstr. 10, 76133 Karlsruhe

Woran erkennt DER SPIEGEL Juden? Was haben Palästinenser und Radfahrer gemein? Was ist ein „Masel-Tow-Cocktail“?

Von 2017 bis 2020 schrieb Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen seine Kolumne Wuligers Woche. Mal ironisch, mal zornig, gelegentlich sentimental nahm er sich dort aktuelle Ereignisse vor – Politik, Gesellschaft, Kultur, Dummheiten innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinschaft – und natürlich die unvermeidbare deutsche „Israelkritik“.

Michael Wuliger, 1951 in London geboren, wuchs in Wiesbaden auf, studierte in Marburg und arbeitete als Journalist in Köln und Berlin. 2009 erschien sein Buch Der koschere Knigge – Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen. Er geht selten in die Synagoge, isst gern Serrano-Schinken und nennt als sein jüdisches Idol Krusty den Clown aus der Fernsehserie Simpsons.

 

Wege jüdischer Komponistinnen/Komponisten in und aus Deutschland

Gesprächskonzert mit Kolja Lessing, Violine und Moderation, Boris Yoffe, Moderation

18.11.2021, 19:00 Uhr

Festsaal der Karlsburg Durlach, Pfinztalstraße 9, 76227 Karlsruhe

Die Einwanderung großer, verfolgter Musikerpersönlichkeiten aus Europa nach Palästina/Israel in den 30er Jahren des 20. Jh. führte zu der Genese einer spezifisch israelischen Musik auf der Suche nach einer kulturellen Identität des jungen Staates Israel. Die starke Verwurzelung in mittel- und osteuropäischen Traditionen entwickelte sich zusammen mit jüdischer Folklore und den Elementen alter Tonarten zu einem Amalgam weltlicher und sakraler jüdischer Musik. Zusammen mit der jemenitischen Sängerin Bracha Zefira entwickelte Paul Ben-Haim den sogenannten „Mittelmeerstil“. In den 60er Jahren begannen jüngere Komponisten die Auseinandersetzung mit avantgardistischen Strömungen in Europa und Nordamerika. Bei Abel Ehrlich finden sich Anklänge an arabische Einflüsse, bei Tzvi Avni finden sich Impulse der elektronischen Musik ebenso wie Klangwelten des Vorderen Orients. Ursula Mamlok, gebürtige Berlinerin, flüchtete nach Ecuador und begann 1940 ein Kompositions-Studium in New York. Sie wurde zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Neuen Musik. Ferdinand David schrieb die Transkription für Solovioline des Jägerliedes von Felix Mendelssohn Bartholdy, ein Zeugnis der Freundschaft zweier deutsch-jüdischer Musiker. Der zeitgenössische Komponist Boris Yoffe wurde in Leningrad geboren, er emigrierte nach Israel und lebt seit über zwanzig Jahren in Karlsruhe. Seine Kompositionslehrer waren Adam Stratievsky und Wolfgang Rihm. Kolja Lessing wurde in Karlsruhe geboren, er ist Geiger, Pianist, Komponist und Hochschullehrer. Sein spezielles Interesse gilt den israelischen Komponisten älterer wie jüngerer Generation, von denen der Großteil in Europa kaum bekannt ist. Die befreundeten Musiker Yoffe und Lessing treten beide für die Wiederentdeckung vergessener Komponist*innen ein – beide werden die Moderation des Konzertes übernehmen.

Textteile übernommen von Kolja Lessing, im Programmheft des Traunsteiner Sommerkonzertes 2021.